Ehrenamt im Strukturwandel von Kirchengemeinden
"Gemeinden brauchen keine Ehrenamtlichen sondern Gestalterinnen und Gestalter"
Claudia Hartmann, Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Nordrhein
(aktualisiert im Dezember 2009)
Aufgrund der abnehmenden Mitgliederzahlen in den Kirchen, werden nicht nur Gemeindebezirke zusammengefügt, sondern auch hauptamtliche Personalkapazitäten reduziert. In diesem Zusammenhang ist eine interessante Entwicklung festzustellen:Während sich auf der einen Seite vereinzelte Gemeindeglieder fatalistisch in die Reduzierung von bestimmten Angeboten fügen, entwickeln manche andere eine erstaunliche Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung zur Gestaltung des Gemeindelebens. Diese Verantwortungsbereiche werden zumeist selbst erschlossen und nicht als ein "Amt" von anderen zugetragen. Das Engagement dieser neuen Akteure reduziert sich dabei nicht auf ein klar begrenztes Arbeitsgebiet (Seniorenkreis leiten, Bewirtung von Gästen bei Veranstaltungen, Besuchs- oder Hospizdienst ), sondern bezieht sich vielmehr auf die ganze Institution/Gemeinde und nutzt die Freiräume für neue Themen und Erfahrungsfelder.
Die neuen Bewegungen bringen dann auch eine interessante Veränderung des Gemeindelebens mit sich:
Es werden nicht nur die klassischen Angebote weitergeführt, sondern zusätzlich neue Formate kreativ entwickelt. Beziehungen und neue Kooperationen werden für Kulturabende, Politikveranstaltungen, theologische Auseinandersetzungen etc. genutzt; teilweise gelingt es so sogar, neue Finanzierungsquellen aufzutun.
Insbesondere verrentete aktive Seniorinnen und Senioren, die sich in den klassischen Feldern der Seniorenarbeit nicht beheimaten lassen, nutzen die Möglichkeiten des Transfers ihrer im Berufsleben gewonnenen Kompetenzen in neue Kontexte.
Die neuen Akteure sind Gestalter von Begegnungsräumen, die ihren Blick über das eigene Haus hinausrichten.
Nicht selten werden von ihnen viele neue Besucherinnen und Besucher angesprochen und das Gemeindehaus entwickelt sich zu einem offenen Begegnungsraum, wie er eigtl. in allen (Gemeinde-)Konzepten angestrebt wird.
Für die Beschreibung dieser neuen Entwicklung reicht der Begriff vom Ehrenamt nicht mehr aus, er würde den Umfang und die Bedeutung dieses Geschehens nicht mehr recht erfassen. Sichtbar wird hier nämlich ein Bild von Kirche wie es z.B. in den urchristlichen Gemeinden der Paulusbriefe zum Tragen kommt und wie es eigtl. zu allen Zeiten als Idealbild von christlicher Gemeinde vorgestellt wird.
Untermauert wird meine Beobachtung gelegentlich durch die Äußerungen von dem einen oder anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter selbst (wenn er denn die Möglichkeit dazu hat):
Berichtet wird dann davon, dass ursprünglich (z.B. mit dem Eintritt in den Ruhestand) der Kontakt zur Ortsgemeinde gesucht wurde, die Übernahme von Aufgaben war vorstellbar, doch angeboten wurde ein Ehrenamt: "Ich wollte eine Aufgabe erfüllen und hatte plötzlich ein Amt." Die Aufgaben dieses Amtes werden dann zwar gewissenhaft erfüllt, aber häufig auch als Last empfunden und weniger als Möglichkeit zur Entdeckung und Entfaltung persönlicher Fähigkeiten.
Der klassische Umgang mit den "EhrenAmtsträgern" in Gemeinden und Verbänden besteht unter anderem darin, regelmäßige Veranstaltungen zur Wertschätzung des Engagements durchzuführen (z.B. jährliche Einladung zu einem geselligen Treffen mit Kulturprogramm). Auch hier sind die Bemerkungen der "Betroffenen" beachtenswert, denn diese betonen stets, dass sie sich nicht durch die Wertschätzungsfeiern gebunden fühlen, sondern vielmehr durch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und dem Erleben eigener Kompetenzen. Sind diese wesentlichen Aspekte für den Einzelnen nicht erfahrbar, ist der Verbleib in der jeweiligen Gemeinde bzw. im Verband sehr unsicher.
Wenn wir herausfiltern möchten, welche Aspekte gewährleistet sein müssen, damit Menschen ihre Kompetenzen und ihr Innovationspotenzial in ihre Gemeinden und Verbände einbringen können, stoßen wir auf folgende Elemente:
- Eine Werbung um ehrenamtliche Mitarbeitende ist dann wenig erfolgreich, wenn nicht zugleich Sorge dafür getragen wird, dass sich die Akteure in einem Team sozial integriert fühlen können bzw. dass sie den nötigen Freiraum erhalten, um ein eigenes Projektteam zusammenzustellen (z.B. um benachteiligte Jugendliche und Eltern zu unterstützen).
- Die oft künstliche Trennung von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden birgt das Risiko einer Hierarchisierung in sich, d.h. der hauptamtlich Beschäftigte ist Verantwortungsträger und der Ehrenamtliche diesem untergeordnet. Für einen Kontakt auf gleicher Augenhöhe wirkt dieser Mechanismus eher kontraproduktiv, weil hierdurch dem Hauptamtlichen schnell nicht nur die Verantwortungsrolle zugeschrieben wird, sondern zugleich auch unterstellt wird, dass er über mehr Expertenwissen verfügt um Entscheidungen zu treffen. Das System rankt sich hier zentralistisch um den hauptamtlichen Akteur, der Ehrenamtliche ist entsprechend aufgefordert sein Engagement den Vorstellungen des Hauptamtlichen anzupassen. Das Veränderungs- und Innovationspotenzial kann so kaum zum Zuge kommen.
- Soll Eigeninitiative und auch die Übernahme von Verantwortung ermöglicht werden, erfordert dies ein verändertes Rollen- und Funktionsverständnis von Pfarrerinnen und Pfarrern bzw. Leitungsbeauftragten. Sie müssen zu Koordinatoren, Fortbildnern und Moderatoren von Prozessen werden.
- Die Gestaltung von Angeboten der Seniorenarbeit orientiert sich in der Regel an bestimmte Personenkreise mit einem vergleichbaren Erfahrungshintergrund (ältere Frauen, die ihre Familien gemanagt haben und reduzierte Bildungsmöglichkeiten hatten). Diese Orientierung kann den Blick für diejenigen Menschen verstellen, die nicht nur breitgefächerte Kompetenzen in der Leitung von Abteilungen, Betrieben und Initiativen erworben haben, sondern die auch weitreichende Kontakte zur Unterstützung von benachteiligten Gemeindegliedern nutzen können. Diese Menschen in den klassischen Angebotsformaten (Seniorenclub, Besuchsdienst etc.) integrieren zu wollen, klingt beinahe absurd, schließlich würden sich die Gemeinden und Verbände ihrer eigenen Möglichkeiten berauben!
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Deklarierung von "Beteiligten" zu "Ehrenamtlichen" das Risiko in sich birgt, die Entfaltung von Kompetenzen und die Eigeninitiative zur Gestaltung von Gemeinde (Bildung von Interessensgruppen, Kooperation mit Kultur- und Bildungseinrichtungen, intergenerative und interkulturelle Projekte) stark zu begrenzen. Gleichzeitig wird gerade das Potenzial dieser "Gestalterinnen und Gestalter" zur Einleitung von notwendigen Veränderungsprozessen dringend benötigt.
Kontakt
Claudia Hartman
Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Nordrhein e.V.
Graf-Recke-Str. 209
40237 Düsseldorf
Tel.: 0211-3610-229
Mail: Hartmann@eeb-nordrhein.de
www.eeb-nordrhein.de
Dieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes November 2007 Bürgerschaftliches Engagement im Fokus: Beweggründe, Bedürfnisse und Erwartungen von älteren Ehrenamtlichen.
